Da stehen sie in ihren Uniformen. Russische Soldaten, fast Hunderttausend, nahe Soloti und Woronesch an der ukrainischen Grenze. Bereit, auf Befehl ihres Präsidenten ihr Nachbarland zu überfallen, das seit bereits acht Jahren unter Terror, Bürgerkrieg und Gewalt leidet.

Auch auf der anderen Seite der Grenze stehen sie bis an die Zähne bewaffnet. In der Ukraine, in Rumänien, Polen und den baltischen Staaten. Bereit, den Krieg um die Ukraine zu führen, wenn die NATO es entscheidet.

Seit 2014 russische Truppen völkerrechtswidrig die Krim annektierten und Separatisten Donezk und Lugansk kontrollieren, sind über 13’000 Menschen gewaltsam ums Leben gekommen. Zehntausende wurden ihrer Zukunft beraubt und mussten flüchten. Die Menschen verstünden nicht, warum dieser Krieg angefangen habe. Und sie verstünden ebenso wenig, warum er nicht aufhöre, sagte der stellvertretende Leiter der OSZE-Mission in der Ukraine, der Schweizer Alexander Hug, 2018 in einem Interview. Nun ist die Angst gross vor einem neuen Krieg. Einem neuen Krieg in Europa.

Als ich 2019 als Wahlbeobachter in der Ukraine war, lernte ich Julija kennen. Sie war 23 und unsere Übersetzerin. Sie erzählte mir, dass sie Literatur studiere und einmal als Lehrerin arbeiten wolle. Aber dass sie in ihrem Land keine Zukunft sehe vor lauter Korruption und Krieg. An den Wahlen nahm sie nicht teil. Es ändere sich ja sowieso nichts.

Wenn wir heute davon sprechen, ob die Ukraine jetzt der NATO beitreten soll oder ob es eine Verhandlungslösung geben wird in diesem Konflikt, dann geht es um die Zukunft von Menschen wie Julija. Das ukrainische Volk ist zwischen die Fronten geraten – im wahrsten Sinne. Seit der ukrainischen Unabhängigkeit streiten sich die russische und die US-amerikanische Regierung zusammen mit ihren verbündeten OligarchInnen in Kiew um Macht und Geld. 

Das ukrainische Volk verdient Frieden, Sicherheit und Entwicklung. Das geht nur, wenn sich die EU-Staaten zusammen mit Russland, den USA und der Ukraine in Verhandlungen auf eine neue Sicherheitsarchitektur für Europa einigen. Eine Friedensordnung, in der Kooperation, gemeinsame politische Institutionen und wirtschaftliche Integration Abrüstung möglich machen. Ja, das wird schmerzhafte Kompromisse bedeuten und die Kräfteverhältnisse auf unserem Kontinent verändern. Wir sind nicht mehr 1989.  Aber Hauptsache kein Krieg.

Dieser Beitrag erschien am 21.01.22 zuerst im «P.S.».