«Nimm sie doch bei dir auf!» Oder: «Geh doch nach Afrika, wo die herkommen!» Dies sind nur zwei der netteren Reaktionen, die ich auf einen Interview bekam, das ich zur humanitären Krise an der griechisch-türkischen Grenze diese Woche gab. Gegen Corona könne man Massnahmen erlassen, aber die Grenzen nicht schützen, war ein weiterer Kommentar. Die Krisen, die unseren Planeten seit Jahren durchschütteln, sind in den letzten Tagen endgültig bei uns angekommen. Über Epidemien lesen wir normalerweise schulterzuckend in einer Randnotiz. Über das Elend in Nordsyrien, der Türkei und den griechischen Inseln wissen wir seit Jahren Bescheid. Aber jetzt drohen sie zu uns zu kommen. Wie das Virus. Und irgendwie war es auch noch der wärmste Winter seit Messbeginn. Vielleicht bringt der Klimawandel ja doch nicht nur Südseeinseln zum sinken.

Die imperiale Lebensweise der reichen Länder und der reichen Leute in den reichen Ländern scheitert offenbar immer mehr daran, dass zu tun, was diese Lebensweise über Jahrzehnte so erfolgreich gemacht hat: Das Furchtbare dieser Welt örtlich von uns fern zu halten. Gewalt, extreme Armut, eine wirtschaftliche, schrankenlose Globalisierung und Umweltzerstörung bringen auch unser Leben langsam aber sicher durcheinander. 

Und während die einen wild um sich schlagen, gegen Ausländer, Frauen und Arme hetzen – gegen die, die eben über so lange Zeit externalisiert wurden und sie nun plötzlich vor ihrer Nase haben und sie deshalb entmenschlichen – fragen sich die anderen die urlinke Frage: Was tun? 

Keine Sorge: Ich weiss es auch nicht. Aber ich bin mir ziemlich sicher, was wir nicht tun sollten: weiter wie bisher. Wenn wir unserer Verantwortung als Weltbürgerinnen und -bürger irgendwie gerecht werden wollen, müssen wir uns auch als solche verstehen. Dürfen wir Corona nicht einfach als Bedrohung für unsere Gesundheit sehen, sondern als Symptom einer Welt, die immer mehr zusammenwächst. Dann sind die Geflüchteten an der europäischen Grenze nicht nur bemitleidenswerte Menschen, sondern Botinnen der Ungerechtigkeit auf dieser Welt. Derselben Ungerechtigkeit, die das Klima auf unserem Planeten für immer zu verändern droht. Und dann muss auch klar sein: Wir müssen als Linke sehr, sehr stark und sehr, sehr mutig sein, um diese Ungerechtigkeit in ihrer Ganzheit anzugehen. So dass die Menschen uns glauben, dass wir nicht nur das Virus, die Flüchtlingskrise und den Klimawandel bekämpfen wollen. Sondern die Ungerechtigkeit selbst. Und die Kontrolle für uns als Menschen zu(rück) gewinnen. Für diese Herausforderung mit allen ihren neuen Antworten auf neue Fragen, brauchen wir dringend wie nie einen linken Aufbruch. 

«Rote Gedanken», erschienen am 6. März 2020 im «P.S.»