Helvetia wohnt in einer WG mit 28 Mitbewohnern. Das heisst: Eigentlich wohnt sie nicht wirklich da. Sie belegt zwar ein Zimmer und benutzt Küche und Bad, aber so richtig angekommen ist sie nie. Sie bezahlt auch seit Jahren kaum Miete. Die anderen Mitbewohner sind zwar genug mit anderen Lebensproblemen beschäftigt und schätzen Helvetia eigentlich auch als Mitbewohnerin. Trotzdem nervt ihre Unentschlossenheit langsam aber sicher. Schliesslich waren die anderen Mitbewohner auch nicht auf Anhieb Freunde. Viele von ihnen haben sich in der Vergangenheit ziemlich übel aufs Dach gegeben. Aber irgendwann haben sie sich Zusammengerauft, weil es zusammen halt einfach lustiger ist.

Vor zehn Jahren wollten sie jedenfalls von Helvetia wissen, wie sie sich das weitere zusammenleben vorstelle. Danach diskutierten sie fünf Jahre mit ihr über die genauen Bedingungen des Mietvertrags. Und man einigte sich auf einen fairen Kompromiss: Helvetia darf wohnen bleiben, das Mobiliar mitbenutzen und ab und zu mitessen. Dafür bezahlt sie ihre Miete künftig pünktlich – schliesslich kann sie es sich auch leisten. Helvetia stammt aus guter Familie und hat ein kleines Vermögen geerbt, dass ihre Vorfahren über die Jahrzehnte angehäuft haben. Ob das Geld ganz sauber ist, weiss niemand so genau. Aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls einigte man sich auch darauf, dass in der WG künftig für alle die gleichen Regeln gelten und Helvetia auch ein Ämtli übernehmen muss. Sollte es in Zukunft zu Streit kommen, entscheidet der WG-Rat über die Schlichtung.

Eigentlich ein guter Deal. Aber Helvetia ist unsicher. Sie will zwar unbedingt wohnen bleiben, aber will sich auch nicht so klar zur WG bekennen. Schliesslich hat sie keine Lust, den Abwasch zu machen, und der WG-Rat hat ihr gefälligst auch nichts zu sagen. Ausserdem hat sie auch auf Home Gate eine interessante Annonce von Uncle Sam gesehen. Aber der wohnt so weit weg und spinnt, was man so hört, ziemlich. Und auch das freie Zimmer beim Chinesen um die Ecke wäre eine Möglichkeit. Aber das Essen da ist ziemlich scheusslich und der Umgang mit dem Personal nicht über alle Zweifel erhaben.

So bittet Helvetia um Bedenkzeit, bis sie sich sicher ist, was sie will. Bis vielleicht doch noch ein besseres Angebot kommt. Oder bis die anderen WG-Bewohner endlich zur Vernunft kommen und sie wieder ohne Ämtli gratis wohnen lassen. Aber da stehen die Chancen schlecht, das weiss Helvetia auch. Schliesslich will Boris grad ausziehen, aber den Schlüssel behalten. Und da ist die Toleranzschwelle für Extrawürste grad etwas gesunken. So schliesst sich Helvetia im Zimmer ein und überlegt. Ob sie ausziehen soll. Ob sie doch endlich den Keller bei ihren Eltern leeren und voll einziehen will. Oder ob sie doch in Gottes Namen den neuen Vertrag unterschreiben soll. Schwierig.

Diese Glosse erschien am 20.09.2019 zuerst im «P.S.».