100 Länder dafür. Und trotzdem keine Einigung. An der Sitzung der Welthandelsorganisation (WTO) in Genf von letztem Donnerstag, 4. Februar 2021, hätte es einen Konsens gebraucht. Der Scheiterte – dank der Schweiz und weiterer Pharma-Staaten wie den USA, Kanada, Japan, Deutschland und Frankreich. Auf Antrag von Indien und Südafrika hatte sich die WTO mit der Frage befasst, ob die Patente der Corona-Impfungen temporär eingeschränkt werden sollen. So dass neben den fünf Impfstoff-Herstellern auch weitere Akteure die Produktion der Vakzine hoch fahren könnten. Die Privatisierung des Wissens zu den Impfstoffen ist eine Katastrophe, die uns weitere, vermeidbare Pandemie-Zeit einbringen wird. Obwohl die Impfstoffe ohne öffentliche Forschung und Finanzierung nie so schnell hätten entwickelt werden können, haben Konzerne wie Pfizer/BioNtech, AstraZeneca oder Moderna die Herstellung der lebensrettenden Dosen privatisiert. Da sie nur beschränkte Produktionskapazitäten haben, verhindern sie mit diesem Verhalten aus reiner Profit-Gier die möglichst rasche Durchimpfung der Weltbevölkerung. Sie verknappen den Impfstoff, damit er teuerer ist. Reiche Länder wie die Schweiz können diese horrenden Summen bezahlen: Die Schweiz hat alleine knapp 33 Millionen Impfdosen gekauft. Die reichsten Länder mit 16 Prozent der Weltbevölkerung bunkern 60 Prozent aller zugesagten Dosen. Die ärmeren Länder gehen leer aus.

«Zu wenig, zu langsam, zu schlecht organisiert.» Die Kritik gegen die Impfstrategie des Bundes hat in den letzten Tagen Fahrt aufgenommen. Angesichts der Fakten ein Hohn! Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass die Schweiz nicht – wie vom Bundesrat versprochen – bis Juni durchgeimpft sein wird. Was wie ein Licht am Ende des Tunnels aussieht, könnte sich als Pyrrhussieg herausstellen. Wenn nämlich das Virus weiter ungehindert in den ärmeren Weltregionen zirkuliert, wird es zu neuen, vielleicht resistenten Mutationen von Sars-Cov-2 kommen. Nächster Shutdown ahoi! Und die Weltwirtschaft wird ohne gerechten Zugang zum Impfstoff weiter Schaden nehmen – mit negativen Folgen auch für die Schweizer Wirtschaft. 

«Die Welt steht am Rand eines katastrophalen moralischen Versagens.» WHO-Chef Tedros Ghebreyesus wählte Mitte Januar dramatische Worte, um den Impfnationalismus der reichen Länder zu kritisieren. Denn es gäbe eine Alternative: Die Patente werden für den Moment aufgehoben, alle Impfstoff-Fabriken weltweit produzieren Dosen der Coronaimmunisierung und die Verteilung läuft über Covax nach Bedürftigkeit. Dann käme der Hotspot Europa immer noch zuerst dran. Aber schneller. Und alle anderen auch.

Dieser Beitrag erschien am 12.02.21 zuerst im «P.S.».