Auf 65 will der Bundesrat das Rentenalter der Frauen erhöhen. Bürgerliche behaupten, das sei alternativlos und ein Beitrag zur Gleichstellung der Geschlechter. Wer genauer hinschaut, merkt: Die Massnahme bringt der AHV praktisch nichts, sondern ist ein Schritt hin zu Rentenkürzungen und einer Arbeitszeiterhöhung für alle.

Das Prinzip der AHV ist so einfachen wie genial: Ein Teil des gemeinsam erwirtschafteten Wohlstands wird über einen Topf eins zu eins für die Renten der Pensionierten ausgegeben. Und zwar solidarisch: Wer viel verdient, zahlt real mehr ein als wer wenig verdient. Kollektives Invstieren anstatt individuellem Sparen, ist das Motto der AHV. Seit ihrer Gründung 1948 war die AHV deshalb das Ziel bürgerlicher Angriffe. Denn mit der AHV lässt sich nicht nur kein Profit machen, sie hat auch eine Umverteilungswirkung von oben nach unten.

Weil die AHV in der Bevölkerung ungebrochen populär ist, haben sich rechte Kreise und die Versicherungslobby eine neue Strategie überlegt: das Dogma vom höheren Rentenalter. Die Geschichte geht so: Weil wir alle immer älter werden, müssen wir auch alle länger arbeiten. Und weil das tiefere Rentenalter für Frauen sowieso ungerecht ist, erhöhen wir es.

Diese Geschichte klingt auf den ersten Blick einleuchtend – vor allem, wenn man sie oft genug wiederholt. Sie hat aber drei entscheidende Fehler:

Erstens funktioniert die AHV-Finanzierung unabhängig vom Rentenalter und der Anzahl Beitragszahlenden. Viel wichtiger sind Produktivität und Lohn. Weil die Löhne in den 1950er-Jahren real viel schlechter waren als heute, brauchte es mehr Beitragszahler, um die AHV-Renten zu finanzieren. Heute sind die Reallöhne höher, die Renten teuerungsbereinigt aber weit weniger stark gestiegen. Das beste Mittel für gute Renten sind also gute Löhne für alle.

Zweitens gibt es ökonomisch keinen einzigen Grund, länger zu arbeiten. Im Gegenteil: Seit Jahren steigt durch Arbeitsteilung und technologischen Fortschritt die Produktivität. Sprich: Wir produzieren pro Arbeitsstunde mehr. Aufgrund der Digitalisierung warnen Ökonominnen und Ökonomen deshalb davor, dass uns immer mehr Arbeiten ausgehen. Wenn das Ziel tiefe Arbeitslosigkeit lautet, muss deshalb die Arbeitszeit pro Person bei gleichem Lohn deutlich reduziert werden. Ein höheres Rentenalter wäre genau das Gegenteil.

Drittens wäre eine Erhöhung des Frauenrentenalters nicht gerecht, sondern in finanzieller Hinsicht eine weitere Diskriminierung der Frauen. Weil Frauen mehr unbezahlte Care-Arbeit leisten und häufiger teilzeitbeschäftigt sind, haben sie im Alter tiefere Renten. Dieser Trend wird durch die Lohndiskriminierung noch verstärkt. Wird ihnen nun auch noch ein Jahr Rente gestrichen, steigt diese Ungerechtigkeit in Franken und Rappen nochmals an.

Das Ziel dieser Strategie ist klar: Länger arbeiten und weniger Rente für alle. Um die aktuellen und künftigen Renten von uns allen im Rahmen der AHV-Reform 21 zu schützen, brauchen wir im Oktober deshalb dringend eine stärkere SP.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der SP-Mitgliederzeitschrift «links» vom August 2019.