Am 1. März dieses Jahres endete die Uno-Geberkonferenz für den Yemen mit einer Enttäuschung. Nur die Hälfte der dringend benötigten Gelder für die Opfer des seit sechs Jahren dauernden Krieges kamen beisammen. 400 000 Kinder unter fünf Jahren sind akut unterernährt und könnten ohne Hilfe bald sterben. Und der Krieg geht unvermindert weiter.

In der äthiopischen Provinz Tigray wird immer noch geschossen. Seit Ausbruch des bewaffneten Konflikts im November 2020 sind bereits Tausende Menschen ums Leben gekommen und Medien und Nichtregierungsorganisationen berichten von brutalsten Gräueln durch Massenhinrichtungen und -vergewaltigungen von Zivilpersonen.

In der Ukraine werden wieder Panzer verschoben. Obwohl die Gefechte nie aufgehört haben, wird seit einigen Wochen wieder vermehrt geschossen. Tausende haben in diesem Konflikt bereits ihr Leben und noch etliche mehr ihre Existenz verloren.

Die Liste der Kriege und bewaffneten Konflikte ist so lange wie lange nicht mehr. Und die Anzahl Geflüchteter ist höher als je in der Geschichte der Menschheit: Sie liegt bei über 80 Millionen Menschen. Gleichzeitig haben die Rüstungsausgaben der Staaten 2020 mit 1,84 Billionen Dollar (!) einen neuen Höchststand erreicht. Trotz Pandemie.

Als die Künstlerin Käthe Kollwitz 1924 ihr Plakat mit den Worten «Nie wieder Krieg!» erschuf, hätte sich wohl niemand träumen lassen, wie schrecklich gezeichnet die Welt knapp Hundert Jahre später noch immer sein würde. Wie ungenügend es die Menschheit, trotz Gründung der Uno nach dem Zweiten Weltkrieg, bis heute geschafft hat, den Krieg und die Gewalt einzudämmen.

In der Schweiz, in der wir letztes Jahr die erste wahrhaftig spürbare Katastrophe seit eben jenem Zweiten Weltkrieg erlebt haben, scheinen diese Kriege weit weg. Bis auf die Geflüchteten, die es bis zu uns schaffen und davon berichten, sowie auf die Waffen, die wir in die Kriege schicken und dank derer wir die Steuern senken können, erinnert uns nichts an die furchtbaren Ereignisse anderswo. Aber wie uns die Pandemie gelehrt hat, können sich Gewissheiten rasch ändern.

In den letzten Tagen verging kaum ein Tag, an dem irgendein Medium nicht den Tod des Rahmenabkommens Schweiz-EU heraufbeschworen hätte. Kaum eine Publikation, die nicht die wirtschaftliche Bedeutung der Bilateralen oder den drohenden Souveränitätsverlust mit dem Abkommen erläutert hätte. Mich dünkt, wir haben ein bisschen die Perspektive verloren. So ganz grundsätzlich.

2012 wurde die Europäische Union mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Die EU und ihre Vorgänger «haben über mehr als sechs Jahrzehnte zur Förderung von Frieden und Versöhnung, Demokratie und Menschenrechten in Europa beigetragen», heisst es in der Begründung von damals. Und wenn wir in die Welt schauen, können wir uns glücklich schätzen, dass wir ein europäisches Land sind. Vielleicht sollten wir anfangen, uns als solches zu sehen und internationale Solidarität leben.

Dieser Beitrag erschien am 16.04.21 zuerst im «P.S.».