Wie sieht es in einem überfüllten Paketzentrum der Post aus? Was passiert auf einem Bauernhof, wenn die Erntehelfer nicht kommen? Woher kommt so schnell neues Toilettenpapier, wenn es aus den Regalen weggekauft wird? Was passiert, wenn die Kinder nicht mehr in die Schule können? Und wer stellt sicher, dass wir alle immer Internet, Strom und Trinkwasser haben? Wir alle haben wohl selten so viel über das ganz praktische Funktionieren der Schweiz gelernt, wie in den letzten Monaten. Über Bundesratssitzungen, Föderalismus und Verantwortung in der Krise. Über Pflichtlager, internationale Vernetzung und wissenschaftliche Unschärfe. Aber auch über Berufe und Menschen, von denen sonst sehr selten geredet wird. Wenn wir 2020 den 1. August, den Nationalfeiertag der Schweiz, begehen, dann ist es schwer vorstellbar, dass wir Rütlischwur, Marignano oder Souveränität feiern. Wenn wir 2020 über unser Land nachdenken, steht ganz Praktisches im Zentrum. Was ist es, das unser Land im Innersten zusammenhält? Wie haben wir es geschafft, bisher verhältnismässig gut durch diese noch vor kurzem unvorstellbare Pandemie-Krise zu kommen?

Ich glaube, es ist relativ banal: Es sind die Menschen, die hier Leben. Es sind gut funktionierende, starke Institutionen. Und es ist die Solidarität, die dann zum tragen kommt, wenn ich, Sie oder wir gemeinsam straucheln. Als Corona die Schweiz erreichte, herrschten Unverständnis, Irritation, Ignoranz und Angst. Gerettet hat uns die Solidarität. Solidarität ist kein abstrakter Begriff mehr. Alle wissen, was er bedeutet: Für jemanden Einkaufen, lokale Geschäfte berücksichtigen, miteinander telefonieren und füreinander da sein. Aber auch finanziell solidarisch handeln und mit staatlicher Unterstützung für all jene sorgen, die es gerade noch schwieriger haben.

All das ist keine Selbstverständlichkeit. Die Krise hätte auch anders kommen können. Die Hamsterkäufer in den Läden wären da noch das kleinste Problem gewesen. Wenn das Verkaufspersonal, die Ärztinnen oder die Müllmänner ihre Arbeit nicht mehr gemacht hätten, hätten wir wirklich ein Problem gehabt. Wenn sich alle wie jene Immobilienkonzerne oder Unternehmen verhalten hätten, denen auch in der Krise der Profit wichtiger war als das Recht auf Wohnen ihrer Mieterinnen oder der Lohn ihrer Angestellten, dann hätten wir ein echtes Problem gehabt. Und wenn wir keinen solidarisch finanzierten und organisierten Sozialstaat hätten, noch ein grösseres. Hätten alle nur auf sich selber statt füreinander geschaut, wäre die Schweiz nicht nur gesundheitlich, sondern auch wirtschaftlich in einer katastrophalen Lage. 

Und noch etwas finde ich wichtig zu erwähnen am 1. August, am schweizeristen aller Tage: Zum Glück gab und gibt es auch in Europa Solidarität. Auch das hätte anders kommen können. Die ersten Tage nach dem Ausbruch der Krise gaben uns einen Vorgeschmack darauf. Deutschland blockierte Schutzmaterial für die Schweiz. Zum Glück schaffte es die EU, diesen Egoismus zu beenden und eine solidarische Verteilung der Schutzgüter zu organisieren. Hätten die europäischen Länder die Grenzen für Waren geschlossen, wäre die Schweiz als Land ohne Meeranschluss verloren gewesen. Aber es kam anders: Schweizer Spitäler nahmen französische und italienische Patientinnen und Patienten auf. Die EU lud Schweizer Bundesräte in ihre Videokonferenzen ein. Gemeinsam wurde nach Lösungen für Liebespaare gesucht, die sich wegen Corona nicht mehr sehen konnten. Ganz pragmatisch, weil es auf internationale Krisen internationale Antworten braucht. 

„Wenn ein Erdbeben die Häuser zerstört, baut man sie nicht gleich wieder auf. Man baut sie erdbebenfest.“ So lautet eine Grundregel der humanitären Hilfe. Und dasselbe muss auch für Corona gelten. Die Krankheit wird erst besiegt sein, wenn sie weltweit besiegt ist. Und bis das passiert, können noch mehrere Jahre vergehen. Die Wirtschaft wird dies noch schwerer treffen, als jetzt schon. Und deshalb müssen wir uns jetzt überlegen, wie wir sie wieder aufbauen wollen. Gleich wie vorher? Oder wäre es nicht besser, die Chance zu nutzen und in der Wirtschaft die Werte zu stärken, die uns durch die Krise gebracht haben? Im Interesse des Verkaufspersonals, der Lastwagenfahrer, der Kita-Mitarbeitenden, der Pöstlerinnen und eigentlich aller, die in der Schweiz leben, arbeiten und sie ausmachen. Ich finde, wir brauchen eine Schweiz, in der wirklich alle unabhängig von Einkommen, Geschlecht, Herkunft oder Lebensentwurf ihren Platz haben. Das heisst: Mehr Solidarität, weniger Egoismus. Mehr kollektives Handeln. Mehr europäische Zusammenarbeit. Ich glaube, diese Werte sind es, die die Schweiz im innersten zusammenhalten. Nicht erst seit der Krise. 

Die Pandemie hat gezeigt: Die Schweiz ist ein Land wie jedes andere. Aber es ist das Land in dem wir leben, in dem wir zuhause sind, wo wir die Menschen kennen. Und deshalb das Land, in dem wir Solidarität leben wollen.

In diesem Sinne bedanke ich mich herzlich für die Einladung und wünsche Ihnen und uns allen weiterhin einen schönen 1. August!

Rede zum Nationalfeiertag in Rüti ZH. Es gilt das gesprochene Wort.