Meine Sommerferien verbrachte ich dieses Jahr in der Provence mit Lesen, Rosé und Nichtstun. Die ersten Tage fiel es mir nicht leicht, abzuschalten und die Arbeit zu vergessen. Zu sehr stand ich die letzten Wochen unter Strom.

Wie vielen Menschen es wohl so geht? Gemäss dem jüngsten Stress-Monito- ring der Gesundheitsförderung hat die Belastung am Arbeitsplatz in den letz- ten Jahren weiter zugenommen. Mehr als ein Viertel der Befragten gibt an, über ihre Ressourcen hinaus belastet zu werden, und fast ein Drittel spricht von emotionaler Erschöpfung.

Dass in der reichen Schweiz mit der Work-Life-Balance etwas nicht stimmt, ist nicht neu. Burn-out ist weit verbreitet, Teilzeit immer noch eine Randerscheinung. Der Arbeitsethos ist gross. Für viele zu gross. Und das, obwohl es dank steigender Produktivität eigentlich genügend Gründe gäbe, weniger anstatt mehr zu arbeiten.

Das aber lässt unsere Wirtschaftsweise nicht zu. Alles muss noch schneller und effizienter erledigt werden. Auch Dinge, die wir eigentlich gar nicht brauchen. Aber mit denen sich Geld verdienen lässt. Unser Stress ist also politisch. Wie unsere Arbeit organisiert ist, hängt von den Kräfteverhältnissen ab.

Nach einigen Tagen Sonne, Wein und Wanderungen bin ich runter gekommen und habe wieder einmal gemerkt, wie viel freudiger und besser ich meine Arbeit ohne Stress mache. Und zu dieser Arbeit gehört es definitiv auch, privat und politisch für weniger Stress zu sorgen.

Dieser Text erschien zuerst als Editorial der Mitgliederzeitschrift der SP Illnau-Effretikon/Lindau, dem «sprachrohr», von August 2019.