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Die Massenpsychologie von Niederlagen

Meine ehemalige Kantonsschule in Winterthur pflegte zu meiner Schulzeit eine Partnerschaft mit einem Gymnasium in Ungarn, der ich meine erste Reise dorthin verdanke. Als Klasse verbrachten wir eine Woche in der südungarischen Stadt Szeged, lebten in Gastfamilien und besuchten den Unterricht in einer für uns unverständlichen Sprache. Ein halbes Jahr später folgte der Gegenbesuch in der Schweiz. Dieser Austausch prägt mein Bild von Ungarn bis heute: Trotz kultureller Unterschiede blieb mir ein europäisches, weltoffenes und modernes Land im Aufbruch in Erinnerung – ganz anders als das Ungarn, das Viktor Orbán ab 2010 international prägte. 

Während 16 Jahren verwandelte Orbán Ungarn zunehmend in eine Autokratie. Er änderte das Wahlsystem, kontrollierte Medien, schränkte Meinungs- und Kulturfreiheit ein und korrumpierte den Staatsapparat – ein Vorgehen, das weltweit Nachahmer:innen fand. Umso bemerkenswerter ist der klare Sieg der vereinigten Opposition: Mit einer Rekordbeteiligung von fast 78 Prozent erreichte sie eine Zweidrittelmehrheit für den neuen Premier Péter Magyar und seine Tisza-Partei.

Der Fall Ungarn beweist, dass der Aufstieg der autoritären Rechten nicht unaufhaltsam ist.

Wie sein Aufstieg reicht auch die Bedeutung der Niederlage des Autokraten Orbán weit über Ungarn hinaus. Führende Rechtsextreme wie Meloni, Weidel, Le Pen und Trump sprachen im Vorfeld der Wahl vor einer Woche Wahlempfehlungen aus. Auch die „Weltwoche“, welche Orbán vor zweieinhalb Jahren für einen Vortrag in Anwesenheit von Ueli Maurer und Christoph Blocher nach Zürich holte, unterstützte seine Wahl propagandistisch. 

In meiner Kanti-Zeit hatte ich einen Mathelehrer, der ursprünglich aus Ungarn stammte und sinnigerweise Német (Deutsch auf Ungarisch) hiess. Vor unserer Reise nach Szeged führte er uns in die ungarische Kultur, Politik und Geschichte ein und gab uns unter anderem ironisch folgenden Merksatz mit: „Falls ihr nicht wisst, ob Ungarn eine Schlacht gewonnen oder verloren hat, so lautet die Antwort immer: verloren.“ Diese von Nationalist:innen oft wiederholte, zum Opfermythos verklärte Tatsache prägte das Bewusstsein der Ungar:innen bis heute. 

Es sind oft Niederlagen, die Trends brechen und Platz für Neues schaffen: So wie die verlorene Schlacht der Magyaren auf dem Lechfeld im Jahr 955, welche den ungarischen Raubzügen in Westeuropa ein Ende setzte, zur Sesshaftigkeit und zur Gründung Ungarns als europäischen Staat führte, könnte die Niederlage Orbáns das Ende der autokratischen Internationalen einläuten. Die Legende des Unaufhaltsamen ist widerlegt. Die Bezugnahme auf andere Rechtsnationalisten scheint plötzlich nicht mehr attraktiv. Nur Tage nach dem politischen Ende Orbáns beendeten auch Meloni und Trump öffentlichkeitswirksam ihre Freundschaft. Und sind in zahlreichen rechtsnationalistischen Parteien Debatten über den richtigen Umgang mit dem US-Präsidenten entflammt. 

Der Fall Ungarn beweist, dass der Aufstieg der autoritären Rechten nicht unaufhaltsam ist. Eine neue Phase im globalen Kampf um die Demokratie hat begonnen.

Dieser Beitrag erschien am 17.04.2026 zuerst im «P.S.». 

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