Soziale Innovation: Aufgabe der Politik
Rahmenbedingungen für eine solidarische, demokratische und ökologische Wirtschaft schaffen
Keynote Speech anlässlich des Swiss Social Economy Forums am 7. Mai 2026. Es gilt das gesprochene Wort.
Geschätzte Damen und Herren,
Ich möchte mich ganz herzlich für die Einladung ans diesjährige Swiss Social Economy Forum bedanken. Vor Ihnen sprechen zu dürfen, welche alle tagtäglich und in vielfältiger Art und Weise die soziale Innovation vorantreiben, ist eine grosse Ehre. Es ist aber für jemanden wie mich, der in einem ganz anderen Bereich tätig ist, nämlich in der Politik, die ja in ihrer Gesamtheit in den letzten Jahren nicht unbedingt durch soziale Innovation aufgefallen ist, auch eine erfreuliche Abwechslung, um sich über konkrete Projekte zur Veränderung unserer Wirtschaft und Gesellschaft im Hier und Jetzt auszutauschen.
Wir alle wissen es:
Wir leben in einer Zeit, in der sich Krisen überlagern:
Die Klimakrise bedroht unsere Lebensgrundlagen.
Die rasante Entwicklung der künstlichen Intelligenz verändert Arbeit, Machtverhältnisse und Wertschöpfung.
Die Demokratie ist weltweit und autokratischem Druck.
Und der demografische Wandel, die steigende Lebenserwartung ebenso wie die sinkende Geburtenrate in allen OECD-Ländern, verschärft die Nachfrage und die Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräften.
Diese Herausforderungen haben eines gemeinsam:
Sie lassen sich nicht mit den Instrumenten von gestern lösen.
Und genau hier kommt soziale Innovation ins Spiel.
Soziale Innovation bedeutet: neue Antworten auf gesellschaftliche Probleme.
Nicht einfach effizienter, sondern gerechter.
Nicht einfach technologisch, sondern auch sozial.
Nicht einfach profitgetrieben, sondern gemeinwohlorientiert.Und nicht einfach «top down», sondern partizipativ.
Doch – und das müssen wir ganz offen konstatieren – die Schweiz hinkt hinterher.
Während andere Länder gezielt Rahmenbedingungen schaffen, Förderinstrumente entwickeln und soziale Innovation als eigenständigen Pfeiler ihrer Wirtschaftspolitik begreifen, fehlt bei uns nicht nur die systematische Anerkennung, sondern nur schon die Datenerhebung über diesen immer wichtiger werdenden Wirtschaftsbereich.
Das ist paradox.
Denn eigentlich war die Schweiz einmal Vorreiterin.
Unsere Geschichte ist geprägt von Genossenschaften. Von gemeinschaftlichem Wirtschaften. Von der Idee, dass wirtschaftlicher Erfolg und gesellschaftlicher Zusammenhalt zusammengehören. In der Berg- und Landwirtschaft, bei der Energieversorgung, über das Wohnbauwesen bis hin zu den grössten Detailhändlern und sogar Versicherungsgesellschaften und Banken sind in der Schweiz in den letzten hundert Jahren unzählige Unternehmen aus Genossenschaften hervorgegangen oder sind es teilweise immer noch. Sie alle boten innovative Antworten auf die Probleme ihrer Zeit, in dem Menschen ihr Kapital, ihre Ideen und ihre Arbeit zusammenschlossen und sich damit eigenständig, günstig und zu einem gewissen Grad demokratisch mit wichtigen Gütern versorgten.
Die Eidgenossenschaft trägt diese Idee sogar im Namen.
Und doch haben wir in den letzten Jahrzehnten zugelassen, dass diese Tradition an den Rand gedrängt wurde.Dass soziale Innovation oft als Nische behandelt wird – statt als strategische Chance.
Was braucht es also?
Erstens: Anerkennung.
Soziale Innovation muss politisch sichtbar werden.
Sie braucht einen klaren Platz in unserer Wirtschafts- und Innovationspolitik.
Ein Blick ins Ausland zeigt: Das ist möglich.
Ein Beispiel, dass mir in eindrücklicher Erinnerung ist, ist das Beispiel Luxemburg. Die Leiterin des luxemburgischen Social Business Incubator, Vanessa Schumer, war letzes Jahr zu Gast am SSEF. Im Winter letzten Jahres hatte ich die Gelegenheit, sie in Luxemburg zusammen mit Seco-Staatssekretärin Helene Budliger Artieda wiederzutreffen. In Luxemburg wird soziale Innovation gezielt gefördert – mit rechtlicher Verankerung, mit klaren Förderstrukturen und mit politischem Rückhalt. Das schafft Vertrauen. Und es erleichtert den Zugang zum Kapitalmarkt.
Und auch auf internationaler Ebene bewegt sich etwas:
Die UNO-Generalversammlung hat mit der Resolution A/RES/79/213 «Förderung der Sozial- und Solidarwirtschaft für eine nachhaltige Entwicklung» ein deutliches Signal gesetzt: Soziale und solidarische Wirtschaft wird als zentraler Baustein für die Umsetzung der UNO-Nachhaltigkeitsziele anerkannt und die Staatengemeinschaft aufgefordert, diese fördern.Die Frage ist: Wann zieht die Schweiz nach?
Zweitens: Zugang zu Finanzierung.
Viele soziale Innovationen scheitern nicht an Ideen, sondern an Ressourcen.
An fehlendem Risikokapital.
An Strukturen, die nicht auf ihre Bedürfnisse ausgelegt sind, weil der kurzfristige Shareholder Value anstatt die Gemeinwohl-Dimension im Zentrum steht.
Die öffentliche Hand muss Finanzierungsinstrumente schaffen, die Wirkung genauso gewichten wie Rendite.
Das heisst nicht weniger Markt.
Das heisst bessere Märkte.
Drittens: Ein funktionierendes Ökosystem.
Soziale Innovation entsteht nicht im luftleeren Raum.
Sie braucht:
– engagierte Zivilgesellschaft
– mutige Unternehmerinnen und Unternehmer
– unterstützende Verwaltung
– und eine Politik, die nicht blockiert, sondern ermöglicht.
Ein starkes Ökosystem bedeutet auch: Zusammenarbeit statt Silodenken.
Es heisst: Wissen teilen statt monopolisieren.
Und Fehler zulassen – denn Innovation entsteht nicht ohne Risiko.
Und viertens – vielleicht am wichtigsten: eine neue Perspektive.
Zu lange haben wir die Wirtschaft als etwas betrachtet, das losgelöst von der Gesellschaft funktioniert. Wir alle kennen Margaret Thatchers berühmten Ausspruch «There is no such thing as society».
Doch die Realität ist eine andere:
Wirtschaft ist immer gesellschaftlich.
Die Frage ist nur: In wessen Interesse?
Soziale Innovation stellt genau diese Frage.
Und sie gibt eine klare Antwort:
Im Interesse von uns allen.
Das bringt mich zum Schluss – und zu einem Call to Action.
Denn das eine geht nicht ohne das andere.
Wir können nicht auf bessere politische Rahmenbedingungen warten. Ich versichere Ihnen, ich werde mich weiterhin mit Nachdruck dafür einsetzen, dass sich diese verbessern und beispielsweise die Seco-Direktorin weiter an unseren Besuch in Luxemburg erinnern. Aber ich bin realistisch genug, um zu wissen, dass bis dahin noch viel Wasser den Rhein hinunterfliessen wird.
Aber wir können auch nicht nur auf individuelles Engagement setzen und die strukturellen Fragen ausblenden.
Es braucht beides.
Sie, die Akteurinnen und Akteure der Solidarwirtschaft und die Politik müssen zusammenkommen.
Das heisst konkret:
Formulieren Sie Ihre Bedürfnisse.
Organisieren Sie sich in Verbänden, wie SENS.
Nutzen Sie die Möglichkeiten auf lokaler Ebene, in dem Sie Anerkennung Förderinstrumente, bessere Rahmenbedingungen und eine neue Perspektive einfordern.
Denn vieles ist heute schon möglich – in Gemeinden, in Städten, in Kantonen. In dem wir die soziale Innovation auf kommunaler und kantonaler Ebene besser verankern und stärken und Verbindungen in die Politik schaffen, wird man sie irgendwann auch auf Bundesebene nicht mehr ignorieren können.
Soziale Innovation ist keine abstrakte Idee.
Sie ist gelebte Praxis.
Sie ist der Quartierladen, der mehr ist als ein Geschäft.
Die Genossenschaft, die bezahlbaren Wohnraum schafft.
Das Start-up, das Technologie mit gesellschaftlichem Nutzen verbindet.
Und sie ist die Politik, die all das möglich macht, anstatt es zu verhindern.
Die Frage ist also nicht, ob wir uns soziale Innovation leisten können.
Sondern: Ob wir es uns leisten können, darauf zu verzichten.
Vielen Dank.